Khronos

Die Herzen der Menschen

[YouTube] Khronos OST - Kapitel 2

Die Zivilisation endet.

„Milorad Tomic ist eine der gefährlichsten Anomalien, denen ich je begegnet bin, vielleicht sogar eine der gefährlichsten unserer Zeit. Er ist ein Regierungs- und Menschenkritiker, der Selbstjustiz nach seinem Gedenken an hohen Beamten durchführt und sich selbst Pazifist nennt. Obwohl wir ihn schon mehrmals erschossen haben, lebt er immer noch. Als würde ihn seine Furchtlosigkeit den Tod betreffend auch vor selbigen schützen. Auch Festnahmen waren bisher sinnlos, da er jedes Mal auf unerklärliche Weise verschwand.“

Wir sind die Ursache für eine falsche Welt. Die Zivilisation endet, wählt den Tod.

„Milorad hat viele von uns gerettet, aus dem Loch gezogen und uns gesagt, was wir tun, ist das Richtige. Er sagte, wir müssen uns auflehnen gegen die Ignoranz und Intoleranz und dass wir keine Menschen töten, wenn wir selbstverherrlichende, automatisierte Betrüger unserer Regierung töten. Dass wir die Armen und die Schwachen schützen sollen, egal ob Gewöhnlicher oder Mutant, dass das unsere Aufgabe ist. Wusstest du, dass er nicht sterben kann? Also ich hab’ mal gesehen, wie ein Bulle ihn erschossen, total durchlöchert hat. Dann war er weg und dann wieder da.
Alter, der Mann ist schwer in Ordnung. Er weiß, wo’s lang geht.“

Doch die Herzen der Menschen können und werden sich ändern und diese Veränderung ändert die Welt.



Wie viel Zeit ist vergangen...?


Zeit vergeht nicht...
...was meinst du damit, du bist vierdimensional?


So einfach ist es nicht. Du würdest es nicht verstehen...



Die Sonne brannte rot und heiß.

Er hatte das Mädchen in seiner Arroganz unterschätzt.

Victor nahm das Scharfschützengewehr von seinem Rücken, während er auf einem Trümmerstück in der zerstörten Stadt saß, die Wüstensonne ihm ins Gesicht schien und irgendwo in der Ferne das heisere Stöhnen von ein oder zwei Zombies zu hören war. In aller Ruhe montierte er das Zielfernrohr auf und legte sorgfältig eine Patrone ein. Er brauchte einen anderen Plan, wenn er verhindern wollte, dass diese blonde Göre sein Auge am Ende noch platzen ließ wie eine überreife Tomate. Man hätte in dem Steckbrief über sie auch etwas genauer sein können, dann wäre ihm das erspart geblieben. Verdammte Amateure.

Victor suchte sich eine erhöhte Position, wo er sich flach auf den Bauch legte und das Scharfschützengewehr anlegte. Er brauchte keine Uhr, um zu wissen, wie spät es war – und er war nicht im mindestens überrascht, als er schließlich Chrissy durch sein Zielfernrohr sehen konnte. Wie ein gehetztes Reh rannte sie zwischen den Trümmern dieser namenlosen Stadt umher und in ihrem Blick waren nur Verzweiflung und Panik zu sehen.
Auch wenn Victor freie Schussbahn auf Chrissy hatte, er schoss noch nicht. Stattdessen richtete er das Scharfschützengewehr etwas weiter nach hinten und beobachtete die zweite Mutantin durch das Zielfernrohr. Es war dieses Fischweib und sie schien so sehr damit beschäftigt, Chrissy einzuholen, dass sie kaum auf ihre Umgebung achtete. Victor sah, dass sie irgendetwas rief, aber er war viel zu weit weg, um es zu hören.

Er könnte jetzt einfach abdrücken. Es wäre ganz leicht. Aber vorher sollte dieses blonde Miststück leiden. Sein Auge brannte noch immer höllisch und war blutunterlaufen und er konnte froh sein, dass es nicht erblindet war. Er sollte sie lebend zurück bringen und das würde er auch, aber vorher musste er ihren Willen brechen. Dann konnte er sie als verschnürtes, vollkommen gebrochenes Bündel zurück unter die Erde schaffen.

Also ließ er von Chiana wieder ab, visierte Chrissys Bein an - und schließlich drückte er ab.

Es war ein glatter Durchschuss. Chrissy spürte heißen Schmerz in ihrer Wade und kurz darauf gab ihr Bein einfach nach. Sie blieb am Boden liegen, das Gesicht nass vor Tränen und Dreck. Ihr fehlte die Kraft, um vor Schmerz zu schreien und so versuchte sie wimmernd, wieder auf die Beine zu kommen. Es gelang ihr nicht. Chiana war sofort bei ihr.
„Ruhig, bleib ganz ruhig. Ich bring dich hier weg. Ich bring dich zu Milorad, er wird uns vor diesem Kopfgeldjäger beschützen können, okay?“ Sie presste ihre Hände auf die blutende Wunde. Der Blutgeruch kitzelte in Chianas Nase und weckte Instinkte in ihr, die sie nur mühsam unterdrücken konnte. Hektisch sah sie sich um, konnte den Schützen aber nicht ausfindig machen. Dafür entdeckte sie aber die schwankenden Gestalten einiger Zombies. Der Lärm hatte sie aus ihren Verstecken gelockt.

Chrissy nickte wimmernd. Sie versuchte, Chiana anzusehen, doch durch den Schleier aus Tränen sah sie ihr Gesicht nur verschwommen. Dennoch erkannte sie ein ermutigendes, freundliches Lächeln. Es nahm ihr nicht den Schmerz, aber beruhigte sie ein wenig. Ein absurder Gedanke fand den Weg durch all die Angst in Chrissys Denken: diese Frau, diese Mutantin, sah aus wie ein Monster aus furchtbaren Alpträumen – und doch war sie es, die Chrissy vor dem wirklichen Monster schützte. Und trotz ihres Aussehens, trotz der vielen Reihen spitzer Zähne in ihrem Mund, schaffte sie es, Chrissy nur mit ihrem Lächeln zu beruhigen.
Wenn doch nur dieses Lächeln sich nicht mit einem Mal in ein groteskes Grinsen verwandeln würde.
Den zweiten Schuss hatte Chrissy gar nicht gehört. Aber sie sah, wie Chianas warmer Blick mit einem Mal erkaltete, als eine Kugel aus ihrer Stirn trat. Blut und Teile von Gehirn spritzten auf Chrissys Gesicht, bevor Chianas Körper einfach über ihr zusammen sackte.
„Oh Gott. Oh Gott, oh Gott...!“, würgte sie heraus, ihr Magen verkrampfte sich, sie konnte nicht atmen. Sie wollte sich übergeben, aber mehr als saure Galle kam nicht hoch. Mit irgendeiner verbliebenen Kraftreserve kroch sie unter Chianas Körper hervor und wischte gleichzeitig fahrig und zitternd über ihr Gesicht.
Dann erst nahm sie den Schatten wahr. Chrissy betete darum, endlich in Ohnmacht fallen zu dürfen, aber stattdessen musste sie in das Gesicht dieses Mannes, dieses Mörders blicken.

Victor schaute Chianas leblosen Körper einen Moment mit einem seltsamen Blick an. Ähnlich wie ein Postbote, der schon zu oft Briefe in Briefkästen geworfen hatte und dem zwar nicht müde geworden war, aber der auch nicht mehr über seine Tätigkeit nachdachte.
Momente wie diese wirkten so friedlich auf ihn. Die Stille, die nur von dem Schuss und Chrissys Schrei zerrissen worden war und dann bald wieder alles für sich einnahm. Selbst der Wind schien inne zu halten, wenngleich er immer noch vorsichtig durch Victors Haare strich und einige von Chrissys blonden Strähnen aus ihrem Gesicht wischte. Der bleierne Geruch von Blut wurde langsam stärker, genauso wie die dunkle Lache um Chianas Kopf größer wurde.
Und dennoch fühlte Victors nichts. Kein Mitleid, keine Reue aber auch keine Befriedigung. Ein Lebewesen war gestorben, aber das interessierte die Welt nicht. Und es interessierte ihn nicht.

Victor drehte sich um, als er ein leises, dumpfes Geräusch hörte. „Na bitte. Das sollte die Sache erheblich vereinfachen“, sagte er zu sich selbst, als er feststellte, dass Chrissy in Ohnmacht gefallen war. Jetzt würde sie wenigstens nicht zetern, weinen oder wieder versuchen, sein Auge zum Platzen zu bringen. Der Gedanke daran brachte dieses unangenehme Gefühl wieder zum Vorschein, aber Victor schüttelte es ab. Er öffnete eine der Gürteltaschen und holte eine Mullbinde und ein kleines Fläschchen heraus. Routiniert und fachmännisch verband er die Schusswunde an Chrissys Bein. Er hatte nichts gekonnt, wenn sich die Wunde jetzt infizierte oder wenn sie schlicht weg verblutete. Der Verband war möglicherweise etwas zu fest gelegt, Victor war kein Arzt, aber ansonsten gut gebunden. Dann zog er seine Weste aus und legte sie Chrissys um die Schultern. Nicht, weil er nett zu ihr sein wollte, sondern weil die rote Lache unter ihr ihm erzählte, dass sie viel Blut verloren hatte.
Als er sie soweit versorgt und packfertig gemacht hatte, seufzte Victor kurz ergeben und hob das Mädchen auf die Arme.

Auch wenn Chrissy nicht viel wog, so wurde sie trotzdem nach gut 20 Minuten ziemlich schwer und Victor musste sie ein, zwei mal ablegen und verschnaufen. Schließlich kam er allerdings an ein Trike, welches er nahe einer Ruine im Schatten geparkt hatte.

„Lass mich doch endlich sterben“, hörte er leise und brüchig Chrissys Stimme, nachdem er sie ins Trike gesetzt hatte.
Mit leicht zur Seite geneigtem Kopf schaute er sie an. Nein, sie gab grade keinen schönen Anblick ab. Aber das war ihr auch nicht zu verübeln. Zerzauste Haare, das Gesicht blass wie eine Leiche, ein durchschossenes Bein und rote, verquollene Augen. Und nicht zu übersehen: diese Furcht und die Hoffnungslosigkeit. Gut. Er hatte sie gebrochen. Dann war sie zumindest im Moment keine Gefahr mehr.

„Hätte ich dich umbringen sollen, hätte ich’s getan und zwar weniger umständlich“, kommentierte er und schüttelte sacht den Kopf. „Tut mir Leid, Chrissy, aber ich kriege kein Geld, wenn ich dich tot abgebe.“
Victor löste eine Feldflasche von seinem Gürtel, schraubte sie auf und hielt sie dem blonden Mädchen hin. „Hier. Du musst durstig sein.“
Chrissy ignorierte seine Geste. „Geld. Als ob man in dieser Welt etwas mit Geld anfangen könnte“ sagte sie heiser. Ihre Worte endeten in einem kleinen Hustenfall - ihre Kehle und ihr Mund waren trocken und mit Staub benetzt. Sie schmeckte Blut. Der Gedanke, dass es Chianas war, weckte erneut Übelkeit in ihr und diesmal schaffe sie es, sich zu übergeben.

„Ah ja“, sagte Victor und schraubte die Wasserflasche wieder zu, „Nur weil du nichts mit Geld anfangen kannst, heißt das nicht, dass das für den Rest der Welt gilt. Gibt halt ein paar von uns, die sich nicht mit ihrem Schicksal als unterste Schicht der Gesellschaft abgefunden haben“, erklärte er relativ nüchtern, ehe auf dem Fahrersitz des Trikes Platz nahm. Victor erhielt keine Antwort mehr. Er blickte kurz über die Schulter. Chrissy hatte sich zu einem schwach zitternden Bündel zusammengerollt, ihr Mund stand leicht offen, die Augen waren geschlossen. Blutverlust und Schock forderten ihren Tribut aber sie lebte und sie würde auch nicht sehr bald sterben.

Victor hatte schon viele Leute gesehen, denen der Lebenswille genommen wurde. Aber es war jedes Mal wieder interessant. Persönlichkeiten konnten sich plötzlich ändern - oder komplett verschwinden. Manche wurde zu einem weinenden Haufen Elend. Manche wurden zu lachenden Psychopathen. Wieder andere zu stummen, lediglich atmenden Hüllen und einige wurden zu marodierenden Furien des Hasses und der Rache. Er war sich noch nicht sicher, was auf Chrissy zutraf.

Victor betätigte die Zündung des Trikes. Heute würden sie nicht mehr am Eingang zur Unterwelt ankommen, sondern sich ein Versteck für die Nacht suchen.
Es war ein weiter Weg.