Pica's Stuff

He, she, it, s muss mit

Elster, 4.5.18... viel zu spät... oder schon zu früh?
Wenn man über Geschlechter redet, bezog man sich früher, und heute zumeist auch noch, auf die Ausprägung des 23. Chromosomenpaares, das entweder als XX oder als light-Variante XY daherkommt. Aber ich möchte lieber auf die psychische Ebene gehen, da mich diese seit einiger Zeit beschäftigt.

Wie definiert man eigentlich zu welchem Geschlecht man gehört? Das ist die Hauptfrage, die ich mir in Vergangenheit wiederholt stelle und nun stelle ich sie auch tatsächlich mehr oder minder öffentlich. Ist es eine Sache des Körpers? Des Verhaltens? Des Gefühls? Gibt es da tatsächlich Abstufungen zwischen dem doch recht binären, biologischen Konzept?

Zugegeben belächle ich die etwas übertriebenen Transgender-Aktivisten mit ihren "bevorzugten Pronomen" und dergleichen, aber andererseits machen gerade diese Leute den Weg frei, für Leute, die tatsächlich Probleme mit diesem biologischen Zwang der Festlegung haben.

Ich beschäftige mich seit meiner, wie ich es nenne, zweiten Pubertät mit dem Thema Identität und seit einiger Zeit auch verstärkt mit dem Thema geschlechtliche Identifikation. Es ist verständlicherweise nicht gerade einfach darüber zu schreiben, aber die relative Anonymität des Internets hilft mir dabei, einige Gedanken zu Text zu machen. Auf die Einzelheiten werde ich wohl früher oder später innerhalb dieser Reihe zu Sprechen kommen, aber im Moment nicht.

Aber zurück zur eigentlichen Frage, die ich bewusst unbeantwortet lasse, da ich dazu selbst noch keine zufriedenstellende Antwort gefunden habe. Für mich ist es jedoch keine Frage des Körpers, soweit bin ich schon. Unabhängig vom körperlichen bleiben mir nur noch Seele und Geist. Anders ausgedrückt: Gefühl und Verhalten. Als leicht autistische Person kann ich mich an beidem nicht direkt orientieren, da mein Verhalten zwar mehr oder minder stereotyp für Asperger-Autismus steht, aber nicht für stereotypisch er oder sie.

Bleibt nur noch das Bauchgefühl einer Person, die ihre emotionale Vielfalt bisher an einer Hand abzählen konnte und beim Bestimmen von Gefühlen sogar noch Finger übrig hatte. Jedoch war es dieses wohlige Gefühl, wenn ich mich bei einem raschen Seitenblick in den Spiegel als ich identifizieren kann, das mir sagt: "Das bist eher du, als wenn du dich nun direkt im Spiegel siehst."

Nun ist die Frage: Ist man schon eine Sie, wenn man ab und an vor einem Schaufenster stehen bleibt und sich fragt, ob einem das Kleid stehen würde? Oder ist man ein Er, wenn man eher auf Videospiele und Schwertkampf steht? Für beides finden sich jeweils Beispiele aus der jeweils naderen Fraktion.

Als Rollenspieler stellt sich mir noch eine andere Frage: Mit welchen Charakteren identifiziert man sich eher? Seit ich angefngen habe, regelmäßig RPGs zu spielen und zu leiten, habe ich festgestellt, dass es mir schwerfällt überzeugende männliche Charaktere zu spielen, oder zumindest solche, mit deren Darstellung ich zufrieden wäre. Bei Videospielen ist es ähnlich. Ich identifiziere mich mit weiblichen Avataren besser und leide nicht nur unter dem klassischen: "Ich schaue lieber einer Frau stundenlang auf den Hintern, als einem Kerl." Obwohl ich hier zugeben muss, dass ich die weibliche Anatomie in vielen Fällen als ästhetisch ansprechender befinde, aus einem autistisch-asexuellen Blickwinkel heraus.

Und nun bin ich schon beim etwas schwierigeren Punkt (als ob es bei so einem Thema einfache Punkte gäbe): Sexualität. Sexuelle Vorlieben kann ich nicht heranziehen, da ich a) relativ asexuell bin und b) eine Zuneigung zum einen oder anderen Geschlecht nicht definitiv auf eine Zugehörigkeit zum jeweils anderen hinweist. Desweiteren ist Sexualität ein für mich schwierig zu erfassender Begriff. Sicherlich gibt es eine körperliche Komponente, die sich jedoch für mich hauptsächlich auf das Ausschütten bestimmter Hormone in Folge bestimmter Handlungen beschränkt. Schokolade hat bisher funktioniert, sie macht zudem satt und schmeckt gut. Für mich ist die emotionale Komponente ironischerweise (wir erinnern uns, ich bin autistisch) eine sehr viel intensivere und interessantere. Eine emotionale Bindung des Vertrauens und der Zuneigung zu spüren ist für mich aufregender, als gewisse körperliche Übungen, oder gar Schokolade (wobei letzteres auf meinen Hormonrhythmus ankommt).

Für mich persönlich wird sich diese Frage zumindest bezogen auf meine eigene Identität hoffentlich klären, ich stehe auf der Warteliste für einen Termin, bei einem Psychiater, der sich auf derlei Identitätsprobleme spezialisiert hat. Auch hier, werde ich euch auf dem Laufenden halten. Oder es zumindest versuchen.

Soviel dazu erstmal. Ich wünsche euch deutlich weniger Fragen, als ich im Moment habe und noch einen angenehmen Tag... oder Nacht, je nachdem, wann ihr das hier lest.

Elster